Raufasertapete: Hip oder Shit?

Manche Materialien werden leidenschaftlicher gehasst als andere.

Der große Absturz einer Legende...

Ist sie eigentlich schon ausgestorben oder lebt sie noch? Die gute alte Raufasertapete. Habt ihr noch Freunde, die einen kennen, der bei den Nachbarn noch die Raufasertapete an der Wand gesehen hat? Wenn ja, sagt ihm, dass er Eintritt nehmen soll! Die Raufaser Tapete gehört zu einer aussterbenden Rasse. Manch ein Kind hat sie noch nie zu Gesicht bekommen. Dabei stand sie doch mal so hoch im Kurs - was für eine Schande!





Die 70er – der Höhepunkt ihrer Karriere

Eigentlich machte man nur aus der Not eine Tugend. So begann der steile Aufstieg der Raufasertapete. Der Hilferuf eines jeden Architekten wurde erhört. Sie wussten nicht, wie man die Menschheit davon überzeugen sollte, dass es sich jetzt mit den farbigen und großflächigen Mustertapeten der 70er Jahre erledigt hatte. Der Traum von den Farben wie „Entzündungsherd-Orange“ oder „Allien-Grün“ musste endlich ein Ende haben. Und dann erschien sie am Firmament – die Raufasertapete und startete durch. Ein paar Jahrzehnte konnte sie sich ganz weit oben halten.
Genaugenommen war sie ja keine Tapete, sondern ein Untergrund, der sich, je nach Körnung, viele Male überstreichen lässt, so das Neutapezieren spart und zudem Unebenheiten des Untergrunds kaschiert. Und jetzt? Was ist nur aus ihr geworden? Einfach verschwunden und für spießig und klein empfunden.

Der Mittagsschlaf und die erste Renovierung

Meine erste bewusste Begegnung mit der Raufasertapete war mit viereinhalb Jahren. Immer wenn ich bei den Großeltern war, musste ich Mittagsschlaf halten, obwohl ich es Zuhause gar nicht mehr brauchte. Dann starte ich, im Bett liegend die Wand an. Da gab es so eine kleine Stelle..., sie war wie ein Unfall, man konnte nicht wegschauen. Ein kleines Stück der Tapete fehlte, und ein kleines Stück stand weg. Ich riss ein Stück ab – es machte Spaß – aber ich hatte Angst man könnte es bemerken. Beim nächsten Besuch ging ich freiwillig in den Mittagsschlaf und freute mich auf die Stelle an der Tapete. Die Enttäuschung war groß, die Tapete hatte sich nicht weiter gelöst. Also fing ich an zu knibbeln.
Dann kam irgendwann die erste Mädels WG. Wir waren entzückt von der Wohnung und empfanden es als eine Herausforderung, sie zusammen zu renovieren. Wir schliffen die Türrahmen ab und gingen dann zur Tapete über. Die Raufasertapete, unzählige Male überstrichen und gut verkleistert. Ich erinnerte mich an die kleine Stelle an der Wand bei den Großelter. Ich wusste nicht, welche Gelüste sich in mir angestaut hatten an der Raufasertapete zu reißen... Wir fingen an und mir wurde ziemlich schnell klar, dass wir sie besser nochmal überstrichen hätten, als sie runterzureißen – Gelüste hin oder her. Was für eine Odyssee. Immer, wenn man dachte die Stücke werden größer und man kommt gut voran, wurde man wieder zur Unterwürfigkeit gezwungen.





Nach etlichen Martinis und einigen Nervenzusammenbrüchen hatten wir es geschafft. Die Tapete war runter. Hier endet meine Erzählung meist, weil das was jetzt kommt, kaum einer verstehen wird. Natürlich hatten wir uns in einem Baumarkt erkundigt welche Möglichkeiten uns zur Verfügung stehen und welche Lösungen für uns die beste sei. Darum haben wir es auch nicht hinterfragt und waren davon überzeugt das Richtige zu tun. Ihr wisst, was jetzt kommt? Wir tapezierten neu - mit Raufaser! Wir konnten ja nicht ahnen, dass wenn wir einfach den Putz gestrichen hätten, wir die Vorreiter eines neuen Trends gewesen wären. Heute steht es nicht mehr zur Diskussion, die Wände werden gestrichen sonst nichts oder manchmal selbst das nicht mal mehr. Aber in der Phase der oben genannten Unterwürfigkeit, habe ich gelernt: Der Hype von gestern ist der Trend von morgen!

Mechthilt und Rolf

Heute wohne ich stylisch mit verputzten weißen Wänden und fühl mich wohl, ohne diese kleinen Holzspäne in der Tapete. Neulich kamen unsere neuen Nachbarn zu Besuch. Er ist Architekt und bat mich unterschwellig doch was mit den kahlen Wänden zu machen, sie wirken so kalt und hart. Nach der Frage, wie sie denn ihre Wände gestaltet hätten kam die Antwort: Wir wohnen mit Raufaser, den Kindern Mechthild und Rolf in der Wohnung. Ich glaube sie fanden sich hip. Ob sie wissen, was da mal auf sie zukommt? Eine Flasche Martini steht immer bei mir im Kühlschrank, auch wenn sie nicht mehr trendy ist...

Zahlen, Fakten und die Herkunft

Die Raufaser wurde 1864 von dem Apotheker Hugo Erfurt erfunden. Er soll das Spezialpräparat allerdings als Dekorationspapier für Schaufenster entwickelt haben. Der Architekt, Städteplaner und Maler Le Corbusier, bereitete den Boden für Schlichtheit im Raum: Auf einer Ausstellung 1925 in Paris schockierte er das Publikum mit raumumgreifendem Weiß, er verzichtete - damals eine Revolution - auf jede Wandeinteilung.

Auch die Künstler des Dessauer Bauhauses setzten sich mit ihren Ideen durch. Funktionalität, Respekt vor dem Material und künstlerischen Anspruch wollten sie vereinen. Die Bedeutung der Tapete wandelte sich von der Wanddekoration zum begehrten „Werkstoff am Bau“. Er erzeugt eine einzigartige Raumwirkung durch feine Strukturen, die vor Ort überstrichen werden können.

Man entschied sich für sogenannte Siedlungstapeten: einfarbige Tapeten mit aufgedruckten feinen Linien und Kästchen. Berühmt wurde jedoch erst die Bauhaus-Tapete. Die Bauhaus-Bewegung wollte den wilhelminischen Pomp, das alte Jahrhundert abstreifen. Sie hoffte mit den neuen Siedlungen auf den neuen Menschen mit neuen Lebenseinstellungen.

Es gibt immer einen Gegentrend

Vereinzelt tauchen sie noch auf die Tapeten der 20er und 70er Jahre, mit ihren erschlagenden Mustern und Farbgebungen. In alten Filmen oder im Retro-Style. So ganz ernst nimmt sie aber keiner mehr. Gott sei Dank gibt es zu jedem Trend ein Gegentrend und der hat sich bis heute durchsetzt. Denn so wie sich Oscar Wilde schon damals empfindlich gestört fühlte durch „dieses Grauen“, erging es auch anderen. Er brachte es aber als erster zum Ausdruck: "Meine Tapete wird mich noch umbringen - einer von uns beiden muss gehen."

Raufaser – avantgardistisch oder spießig?

Natürlich war das ein Generationskonflikt. Tapete war einfach spießig. Raufaser, das war nicht angepasst, das war Avantgarde. Mit Raufaser, Teppichboden und Apfelsinenkisten verlieh die Studentenbewegung ihrem politischen Wollen den ästhetischen Ausdruck. Ihre Wohnkultur richtete sich gegen das Einrichten in die neue Gemütlichkeit, gegen den Mief der Aufbaujahre.
Sie wollte Raum für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

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