Raufasertapete: Hip oder Shit?

Manche Dinge werden leidenschaftlicher gehasst als andere.

Das Leben ohne Raufaser ist auch nur eine Phase

Wann genau ist es eigentlich schick geworden, Raufaser unschick zu finden? Ich kenne so gut wie keine Wohnungen mehr, wo sie noch an der Wand klebt, und wenn doch, rechtfertigen sich die Bewohner, kaum dass man die Schwelle übertreten hat, so wortreich und ausführlich dafür, als hätten sie Angst, vom hohen Gericht der Wohnaficionados zu elf Jahren Tapetenablösen, ohne Bewährung versteht sich, verurteilt zu werden.

Dabei war Raufaser mal ein echter Hit

Genaugenommen war sie ja keine Tapete, sondern ein Untergrund, der sich, je nach Körnung, viele Male überstreichen lässt, so das Neutapezieren spart und zudem Unebenheiten des Untergrunds kaschiert.

In den 70ern hatte sie ihre richtig große Zeit. Sie war die Erlösung von den wahnwitzigen grafischen Tapetenmustern in Erbsengrün und Currygelb, die weiße, pure Avantgarde, der Traum jedes Architekten.

Und heute? Spießig!

Plötzlich ist einfach gestrichener Putz besser. Und niemand redet mehr von den Vorzügen. Nur ich.

Kindheitserinnerungen

Mir bot nämlich die Stelle an der Wand meines Kinderzimmers, auf die ich immer schaute, wenn ich im Bett lag, stets ein unterhaltsames Figurentheater. Die Struktur der Holzstückchen verwandelte sich im Schein der Nachttischlampe unter meditativen Starren wahlweise in Tannenbäume, Kontinente oder Dinosaurier. Außerdem konnte man herrlich daran herumknibbeln.

Die erste eigene Wohnung

Und auch auf eine weitere Raufasererfahrung möchte ich nicht verzichten: Als ich nach dem Abitur mit meiner Freundin nach München zog, stürzten wir uns wie die Besessenen in die Renovierung unserer neuen Wohnung, holten den alten Lack von den Türen und Rahmen und pulten die 37-mal übermalte Raufaser von den Wänden.
Dabei habe ich viel gelernt; zum Beispiel Demut. Immer wenn man einen guten Lauf hatte, einige wirklich große Stücke in einem Rutsch von der Wand gezogen hatte, glaubte man, den Bogen rauszuhaben, und fing sofort an, vom Erfolg berauscht, eine neue Theorie über die richtige Einweichzeit zu entwickeln. Um gleich darauf an eine Stelle zu gelangen, so etwa bierdeckelgroß, mit der man sich dann den Rest des Tages erfolglos beschäftigen musste, Einweichzeit hin oder her.







Wir tranken sehr viel Wermut in jener Zeit. Ich werde immer noch „wermütig“, wenn ich daran denke, wie viele Gehirnzellen mich das gekostet haben muss; ein Gefühl, das fortdauert, wenn ich mich erinnere, was wir taten, nachdem wir den letzten Rest Raufaser von der Wand abgelöst hatten: Wir klebten neue drauf!
„Oh nein“, höre ich den Chor der Nacktwandfraktion entsetzt rufen, „wieso das denn?
War es der Alkohol?“
Nein… war es nicht, wir wussten es einfach nicht besser, hatten noch keine Ahnung, dass roh belassene Wände ein Zeichen für das ästhetische Gespür der Bewohner sind. Heute ist das selbstverständlich anders, ich kann von mir behaupten, vollständig und gründlich entraufasert zu sein. Aber ich habe meine Bierdeckel-Demut-Lektion gelernt. Ich weiß: Was heute gilt, kann Morgen schon wieder vorbei sein.


Mechthilt und Rolf

Es wird der Tag kommen, da mich meine Kinder besuchen werden, ihren Blick über den geweißten Putz schweifen lassen, die Stirn runzeln und sagen: „Mach doch bitte was an die Wände, das sieht ja furchtbar aus“. Sie selbst leben natürlich komplett in Raufaser, zusammen mit ihren Kindern, die sie Mechthilt und Rolf genannt haben, was sie total Avantgarde finden. Meinetwegen.

Nur, wenn sie die dann eines Tages nicht mehr haben möchten (die Knubbel, meine ich, nicht die Kinder), sollen sie nicht zu mir kommen und mich fragen, ob ich beim Abkratzen helfe. Ich habe das alles schon durchgemacht, bin „wermütig“ und devot geworden…

Raufaser-Hass: das Spießerpapier an der Wand

Das Problem ist, dass Raufaser praktisch und umständlich zugleich ist. Auch wenn man sich daran satt gesehen hat, findet man sich oft mit ihr ab, weil sie pflegeleicht ist, es aber auch so schwer ist, sie loszuwerden. Ein Leben mit Raufaser gleicht einer Ehe, in der die Partner nur noch zusammenbleiben, weil alles andere viel umständlicher wäre. Man kann sich ja zwischendurch mal einen neuen Anstrich geben. Aber wenn aus Liebe Pragmatismus wird, ist der Weg bis zur Genervtheit und von dort bis zum Hass nicht mehr weit. Das ist der Raufaser auch passiert.

Auch in der Tapetenindustrie kennt man übrigens den Raufaser-Hass. Nach deren Definition ist die Raufaser Papier, und darf erst Tapete genannt werden, wenn sie an der Wand klebt und gestrichen wurde. Das macht sie zu einem sogenannten „Halbprodukt“. Wer will bitte schon von vier Wänden voll Halbprodukt umgeben sein?

Zahlen, Fakten und die Herkunft

Die Raufaser wurde 1864 von dem Apotheker Hugo Erfurt erfunden. Er soll das Spezialpräparat allerdings als Dekorationspapier für Schaufenster entwickelt haben. Der Architekt, Städteplaner und Maler Le Corbusier, bereitete den Boden für Schlichtheit im Raum: Auf einer Ausstellung 1925 in Paris schockierte er das Publikum mit raumumgreifendem Weiß, er verzichtete - damals eine Revolution - auf jede Wandeinteilung.

Auch die Künstler des Dessauer Bauhauses setzten sich mit ihren Ideen durch. Funktionalität, Respekt vor dem Material und künstlerischen Anspruch wollten sie vereinen. Die Bedeutung der Tapete wandelte sich von der Wanddekoration zum begehrten „Werkstoff am Bau“. Er erzeugt eine einzigartige Raumwirkung durch feine Strukturen, die vor Ort überstrichen werden können.
Die Neue Sachlichkeit entwickelte sich als Kunstrichtung: Objektivität, Realität und Purismus setzte sie gegen Pathos und Emotionalität des Expressionismus.

Die Armut in den zwanziger Jahren stand Pate. Während der großen Rezession wurden viele Siedlungsbauten errichtet, riesige Projekte mit kleinen Wohnungen in einfacher Bauweise.

Man entschied sich für sogenannte Siedlungstapeten: einfarbige Tapeten mit aufgedruckten feinen Linien und Kästchen. Berühmt wurde jedoch erst die Bauhaus-Tapete. Die Bauhaus-Bewegung wollte den wilhelminischen Pomp, das alte Jahrhundert abstreifen. Sie hoffte mit den neuen Siedlungen auf den neuen Menschen mit neuen Lebenseinstellungen.

Die heute nicht mehr existierende Tapetenfirma Norta in Hannover-Langenhagen war Mäzen des Malers Carl Grossberg.
Und Grossberg war halt der Meinung, dass, was das Bauhaus mit dieser gedruckten Struktur macht, bringt er in Form von echter Struktur aufs Papier.
Er hat dann dieses Raufaserpapier, das ohnehin schon als Rohpapier für Tapeten auf dem Markt war, nur noch eingefärbt. Seine Raufasern mussten nicht gestrichen werden, sondern waren schon "mit wunderschönen Farben" bedruckt.


Einer von uns beiden muss gehen!

Grässlich bunte Riesenmuster bereiteten in den zwanziger wie in den siebziger Jahren den Boden für die einfarbigen Wände. Der Ästhet Oscar Wilde schrieb verzweifelt: "Meine Tapete wird mich noch umbringen - einer von uns beiden muss gehen." Immer wenn es zu unruhig wurde an der Wand, boomte danach das Schlichte.

Raufaser – avantgardistisch oder spießig?

Natürlich war das ein Generationskonflikt. Tapete war einfach spießig. Raufaser, das war nicht angepasst, das war Avantgarde. Mit Raufaser, Teppichboden und Apfelsinenkisten verlieh die Studentenbewegung ihrem politischen Wollen den ästhetischen Ausdruck. Ihre Wohnkultur richtete sich gegen das Einrichten in die neue Gemütlichkeit, gegen den Mief der Aufbaujahre.
Sie wollte Raum für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Ausflugs-Tipp: Deutsches Tapetenmuseum in Kassel