Tattoos - Geschichten, die unter die Haut gehen

Ein besonders bewegendes Ereignis kann zu der Entscheidung führen, sich tätowieren zu lassen. Manche Tattoos haben eine bewegende Geschichte, andere können ohne große Erklärung verstanden werden.


Tattoos sind eine jahrtausendealte Kunst

Früher wurden die Farben mit Dornen in die Haut geritzt, heute werden Tattoos mit einer Tätowiermaschine gestochen. Das Ergebnis ist das Gleiche: In der Haut entstehen einzigartige Kunstwerke.
Ob „Arschgeweih“, verschnörkelte Tribals oder Schwalben – Tattoos sind Trend. Und doch sind sie viel mehr als das. Sie zeigen individuelle Vorlieben oder traditionelle Stammeszugehörigkeiten und sie sind allgegenwärtig. Heute sind die Bilder auf der Haut keine Jahrmarktattraktion mehr, wie in den Zwanziger Jahren.

Die ersten Hinweise auf Tattoos stammen aus Japan und werden auf das dritte Jahrhundert datiert. Noch heute ist die japanische Tätowierarbeit eine der kunstvollsten, nicht selten wird hier der komplette Körper in zahlreichen Sitzungen verziert.

 
Eine Art von religiösen Tätowierungen sind zum Beispiel, die in Thailand praktizierten Yantra-Tätowierungen. Sie sollen mystische Kräfte, (magischen) Schutz oder Glück verleihen. D.h. die Tätowierungen entfalten eine Schutzfunktion, ähnlich eines Talismans.

In Strafgefangenenlagern waren Tätowierungen eine grausame Art der Codierung und Stigmatisierung von Inhaftierten. Viele junge Israelis lassen sich gegen das Vergessen die KZ-Nummern ihrer Großeltern auf die Unterarme tätowieren.

Jeder Tätowierte hat eine persönliche Verbindung zu seinem Tattoo, sie sind Ausdruck einer inneren Gefühlswelt, die mal bewusst demonstriert, mal unter der Kleidung versteckt wird.

Im Gegensatz zu damals, wird eine Tätowierung heute jedoch meistens nicht mehr aus religiösen, sondern ästhetischen oder weltanschaulichen Gründen gestochen.

Sich ein Tattoo stechen zu lassen, das ist eine Entscheidung fürs Leben. Wer ins Tattoo-Studio geht, der weiß: das Motiv trage ich nicht nur heute, wie einen Lippenstift; nicht nur diese Woche, wie eine Frisur; nicht nur ein paar Wochen, wie einen Bart. Ich trage es mein Leben lang.

Interview in einem Tattoo-Studio

Die Ausbildung ist nicht staatlich geregelt. Einige Einrichtungen bieten kostenpflichtige Grundausbildungen zum Tätowierer an. Meist aber werden Interessierte von einem erfahrenen Tätowierer unter die Fittiche genommen.

Jan (45) selbständig

Jan, wie lang machst du das schon?

"Heuer sind es 18 Berufsjahre. Mit Farbe hab ich es. Gelernt hab ich mal Handwerksmaler. Tätowierer bin ich dann aber nicht aus einem Hobby heraus geworden, sondern aus Leidenschaft. Mit Mitte 20 kam der Entschluss zur Selbstständigkeit. Sechs Jahre lang habe ich in einem angesagten Tattoo-Studio gearbeitet. Waren sowas wie meine Lehrjahre. Tätowierer ist ja kein Ausbildungsberuf, das ist "learning on the job". Du brauchst ein gehöriges künstlerisches Talent. Ein Profi schaut dich an und entscheidet ob er dich nimmt."

Klingt ähnlich wie im Mittelalter, wenn du da ein Handwerk lernen wolltest.

"Könnte man sagen, ja. Und dann wächst du, du reifst als Tätowierer. Entwickelst deinen Stil, und der ist unverkennbar. Langsam machst du dir einen Namen. Tätowieren ist Kunst und noch viel mehr Handwerk."

Du hast da ja einen Kunden oder Kundin stundenlang bei dir im Studio. Entwickelt sich da eine Beziehung?

 "Schon. Da wächst eine Bindung. Je nach Projekt und Wille des Kunden kann das bis zu Jahren gehen. Kunde und Tätowierer müssen zusammenpassen. Mir geht`s dabei nicht um die persönliche Geschichte hinter der Motivwahl. Die steht nicht im Fokus. Ich respektiere jeden Motivwunsch, ich zeig dir wie ich es machen würde, und wenn es passt mach ich es. Wir Tätowierer sind Kunsthandwerker, keine Psychotherapeuten."

Matze, der Tätowierer

Ich wende mich zum Kollegen Matze. Sehr extrovertiertes Äußeres: Voll bebilderter linker Arm. Riesiger Ohrläppchenteller. Nasenpiercing. Trotzdem spüre ich: hier arbeitet ein Gentlemen.
Mit Ende 20 ist er noch am Anfang seiner Karriere. Sein erstes Tattoo machte er spät, mit 24. Gleichwohl war er schon von kleinauf von den Körperbildern fasziniert. Sein Opa lebte in Rotterdam, war Matrose auf Fischkuttern und klassisch tätowiert: Rosen (Liebe), Anker (Heimat), Kreuz (Glaube). Eine enge Verbindung hatten sie zueinander. Trotz Ferne. Ihm zur Erinnerung hat er sich einen kleinen Anker gestochen: er steht für die letzte Fahrt zur See. Und in den Himmel.

"Gezeichnet hab ich schon immer. In den Teenie-Jahren überlegte ich, ob ich damit mein Geld verdienen könnte. Es war ein harter Kampf. Zwölf Jahre war ich auf der Suche nach einem Studio, das mich aufnehmen würde. Alle fürchten die Konkurrenz. Anfangs hab ich mir die Beine selbst tätowiert. Jan überzeugte meine Hartnäckigkeit und mein Ehrgeiz, und er nahm mich auf. Als Lehrling putzt du dann das Studio, sorgst für Hygiene, zeichnest viel, schaust über die Schulter. Dann die ersten kleineren Aufträge. Man wächst rein. "
Beide Tätowierer erzählen mir noch so manches. Von Herbert Hofmann, dem ältesten Tätowierer Deutschlands neuerer Zeit und seiner Tattoostube am Kiez in Hamburg St. Pauli, vor der Matze schon ehrfüchtig stand.

Abschließend kommen wir aber noch auf ein Thema: Respekt.

"Die Alten sind in der heutigen Zeit toleranter als die Jungen. Den Jungen fehlt oft der Respekt. Sie sind oft neidisch, dass du was schöneres hast. Viele wollen immer mehr auffallen, um jeden Preis, überhaupt ist in der Szene Selbstdarstellerei eine grassierende Krankheit. Was wir machen? Wir halten der Oma die Tür auf und helfen ihr in den Mantel. Alte Schule. Ein Lächeln gewinnen wir allemal damit. Wir gehen unseren eigenen Weg."

Und dann kommt noch dies:

"Unsere älteste Kundin war 79. Schon lange wollte sie ein Tattoo. Ihr Mann war vehement dagegen. Als er starb, verwirklichte sie ihren Traum. Das war jetzt keine Rock-Oma, aber sie war schon hipp für ihr Alter. Das hat uns mächtig beeindruckt und Respekt eingeflößt. Die Alten, das sind die wahren Coolen!" (Ihr Traum war ein Schmetterling)


Persönliche Bilanz

Eine Woche Recherche. Viele spannende Begegnungen mit so unterschiedlichen Menschen. So viel Lebenswege in so kurzer Zeit. Geballte Lebenslust. Haut-nahe Geschichten. Die Vielfalt der Tattoos verblüfft. Die Anmut und Schönheit mancher Motive sind grandios.

Diese Jahrtausende alte Körperkunst ist wahrlich keine Nische mehr. Sie ist mitten in der Gesellschaft angekommen. Schon allein die Vielfalt der Motive und ihrer Träger zeigt die ganze Bandbreite der Gesellschaft. Laut einer Umfrage der Meinungsforscher von YouGov haben 15 Prozent aller Deutschen ein Tattoo, davon Frauen (18 Prozent) etwas mehr als Männer (13 Prozent). Die Werte bei Stadt- und Landbevölkerung sind dabei praktisch gleich.
Dann freuen wir uns jetzt schon wieder auf den Frühling! Kurze Hose oder Rock, Top oder T-Shirt: Die warmen Temperaturen lassen viel Haut sehen. Und damit werden Tattoos sichtbar, die im Winter doch etwas versteckter sind.