Tattoos - Geschichten, die unter die Haut gehen

Die Entscheidung sich ein Tattoo stechen zu lassen kann viele Gründe haben. Ein besonders Bewegendes Ereignis zum Beispiel wie die Geburt seines Kindes, die gewonnene Weltmeisterschaft oder eine neue Freundin. Es kann ein Glaubensbekenntnis sein oder einfach nur ein Modetrend.
 

Tattoos sind eine jahrtausendealte Kunst

Tattoos werden in die Haut gestochen. Früher mit Dornen heute mit Nadeln. Tätowierte Menschen im Straßenbild sind zu Normalität geworden. Ob Tribals, Friedenstauben, Namen oder traditionelle Tattoos, sie sind allgegenwärtig. Jedes für sich ein Kunstwerk. Die ersten Hinweise auf Tattoos stammen aus Japan und werden auf das dritte Jahrhundert datiert. Noch heute ist die japanische Tätowierarbeit eine der kunstvollsten, nicht selten wird hier der komplette Körper in zahlreichen Sitzungen verziert.
Eine Art von religiösen Tätowierungen ist zum Beispiel, die in Thailand praktizierten Yantra-Tätowierungen. Sie sollen mystische Kräfte, (magischen) Schutz oder Glück verleihen. D.h. die Tätowierungen entfalten eine Schutzfunktion, ähnlich eines Talismans.

Heutzutage sind es meist Trends, die man mitmacht, ästhetische oder weltanschaulichen Gründe. Tattoos werden ganz bewusst ausgesucht und platziert. Man kann sie provokativ zur Schau stellen oder so, dass sie unter der Kleidung verschwinden.

Sich ein Tattoo stechen zu lassen, das ist eine Entscheidung fürs Leben. Wer ins Tattoo-Studio geht, der weiß: das Motiv trage ich nicht nur heute, wie einen Lippenstift; nicht nur diese Woche, wie eine Frisur; nicht nur ein paar Wochen, wie einen Bart. Ich trage es mein Leben lang.
Im Tattoo-Studio nachgefragt
Die Ausbildung ist nicht staatlich geregelt. Einige Einrichtungen bieten kostenpflichtige Grundausbildungen zum Tätowierer an. Meist aber werden Interessierte von einem erfahrenen Tätowierer unter die Fittiche genommen.

Jan (45) selbständig als Tätowierer

Jan, wie lange tätowierst du schon?
"Seit über 20 Jahren. Es war einen Art Berufung, die Leidenschaft halt. Man muss schon eine gehörige Portion künstlerisches Talent haben. Ich habe als Kind mit Comics angefangen, hab sie nachgezeichnet. Dann irgendwann erfand ich meine eigenen Motive. Dann kam der Entschluss mich selbständig zu machen, hab in einem namenhaften Tattoostudio gelernt. Eine Ausbildung gibt es hier ja nicht. Also zählt das Motto: Learning by doing. Und dann wächst du, du reifst als Tätowierer. Entwickelst deinen Stil, und der ist unverkennbar. Langsam machst du dir einen Namen. Tätowieren ist Kunst und noch viel mehr Handwerk."

Was für eine Beziehung entwickelst Du zu Deinen Kunden? Oft sind das ja stundenlange Sitzungen über Tage hinweg...
"Sitzungen hört sich an wie beim Therapeuten. Das sind wir nicht wir sind Handwerker. Natürlich muss es zwischen Kunden und Tätowierer passen aber es muss sich keine Beziehung entwickeln. Der Kunde präsentiert mir sein Motiv, ich sag ihm wie ich es machen würde, dann passt es oder auch nicht. Die Motive als solche bespreche ich nicht, das ist jedem seine Entscheidung."
Ich gehe zu Jan's jungen Kollegen Matze. Er stach erst mit 24 sein erstes Tattoo und ist jetzt mit 29 noch ganz am Anfang seiner Karriere. Schon in der Kindheit prägten ihn die Bilder und Motive von Tattoos. Im Haus in dem er wohnte gab es ein Tattoostudio. Wenn kein Kunde da war durfte er die dicken Bücher wälzen und wusste früh wofür die Motive: Rosen (Liebe), der Anke (Heimat) und das Kreuz (Glaube) standen.

Matze, der Tätowierer
"Ich habe früh angefangen zu zeichnen, war auch sehr gut... zu gut. Über zehn Jahre lang habe ich versucht in ein Tattoostudio zu kommen. Alle fürchteten die Konkurrenz. Bei Jan war ich sehr hartnäckig, so sehr, dass er mich irgendwann anstellte. Jetzt sammle ich Erfahrung, kann ihm über die Schulter schauen und täglich dazu lernen. Kleiner Motive durfte ich auch schon übernehmen. Und manchmal feilen wir an einem Motiv gemeinsam herum, eine Ehre für mich." 

Dann kommen wir noch auf das Thema Selbstdarstellung zu sprechen.

"Die Jungend lässt sich heutzutage schnell mitreißen. Der eine ahmt dem anderen nach. Oder sie wollen genau das Tattoo, welches ihr Fußballgott auf der Wade trägt. Es fehlen die eigenen Vorstellungen und Werte, die hinter einem Tattoo stehen sollten, es wird zu viel kopiert. Erinnern wir uns noch an die „Arschgeweihe“. Heute will sie keiner mehr haben, deswegen wurden die Jeans auch wieder höher geschnitten, sodass sie wenigstens verdeckt werden"... alle lachen.
Und dann noch eine Kleinigkeit zum Schluss:
"Unsere älteste Kundin war 79. Schon lange wollte sie ein Tattoo. Ihr Mann war vehement dagegen. Als er starb, verwirklichte sie ihren Traum. Das war jetzt keine Rock-Oma, aber sie war schon hipp für ihr Alter. Das hat uns mächtig beeindruckt und Respekt eingeflößt. Die Alten, das sind die wahren Coolen!" (Ihr Traum war ein Schmetterling)
 

Wunderschöne Körperkunst

Jeder fünfte Deutsche ist tätowiert, Tendenz steigend. Es ist zu einem Lebensgefühl geworden. Lebenslust und hautnahe Geschichten sind die Bilanz. Die unterschiedlichsten Menschen lassen sich auf die unterschiedlichste Weise tätowieren und jede Geschichte (fast jede) ist einzigartig. Die Anmut und Schönheit mancher Motive sind grandios. Diese Jahrtausende alte Körperkunst ist in unserer Gesellschaft angekommen.

Dann freuen wir uns jetzt schon wieder auf den Frühling! Kurze Hose oder Rock, Top oder T-Shirt: Die warmen Temperaturen lassen viel Haut sehen. Und damit werden Tattoos sichtbar, die im Winter doch etwas versteckter sind.