Ein offener Kamin in der Wohnung - das wärmt die Herzen.

Wie das Feuer so wohnt und knistert


Ein offener Kamin in der Wohnung - das wärmt die Herzen. Was bleibt vom alten Zauber? Womöglich eine knisternde Attrappe.

Wenn es ganz schlecht läuft für den Kamin, wird er sein letztes Verglühen irgendwann im Erotik-Portal erleben müssen. Dort immerhin wird er derzeit noch poetisierend verherrlicht. Das liest sich dann zur Freude der rund zwei Millionen Dating-Mitglieder zum Beispiel so: "Im Kamin . . . knisterndes Feuer . . . lodernde Flammen . . . wecken Gefühle in dir . . . nach einem lasziv räkelnd . . . sinnlich erotischem Körper . . . auf einem wohlig weichen Fell . . . komm . . . schließ die Augen . . . "
Man kann also schon mal die Augen schließen und einige Dinge festhalten. Erstens: Der Kamin lebt noch. Und zweitens: Wenn Hoffnung das "Ding mit Federn" ist, wie die amerikanische Dichterin Emily Dickinson glaubte, dann ist Erotik offenbar das Ding mit den vielen Andeutungspunkten einerseits - und einer satten Überdosis Dativ andererseits. Aber immerhin ist es auch etwas, wo der Kamin noch seinen Dienst tun darf. In den Worten des Dating Clubs: "bis dass die Leidenschaft . . . gleich einem Feuerwerk euch übermannt . . . "

Das ist gut so, denn anderswo wurde der Kamin schon längst seinerseits übermannt beziehungsweise wegrationalisiert. Wenn auch nicht vom Feuerwerk, sondern, im Gegenteil, von der Feuerwehr. Zum Beispiel hat ein besorgter Bürger und Frühaufsteher die Rettungskräfte alarmiert, weil er, wie es im Polizeibericht heißt, "im Nachbarhaus ein Feuer lodern sah". Allerdings stellte die Feuerwehr vor Ort alsbald fest: "Bei dem Brand handelte es sich um ein simuliertes Kaminfeuer, das auf einem Fernsehbildschirm zu sehen und mit lauten Knister-Geräuschen untermalt war." Die Leidenschaft davor, also vor dem Kaminfeuer, war wohl doch schon zu Bett gegangen.

Bei den täglichen Nachrichten erfährt man übrigens nicht nur, dass die Schauspieler Liz Hurley und Orlando Bloom auf "Sex am Kamin" stehen, sondern dass dieser Spaß mittlerweile auch für jene Menschen jenseits von Hollywood erschwinglich ist, die ein Defizit an Kamin vor die schwierige Frage stellt, wie man Sex am Kamin auch ohne Kamin haben könnte. Das geht etwa mit einem Ofen für Bio-Ethanol, wie man ihn auch an der Wand montieren kann. "Alternativ kann man auch ein Meer voller Kerzen aufbauen, beispielsweise aus Teelichtern."

Auf Netflix gibt es drei Arten von Kaminfeuer, und bei Tchibo wird das Knistern sogar mit Mozart und Bach unterlegt.

Weil aber das Teelicht selbst in seinem Erscheinungsbild als Kerzenmeer nicht ganz an den Kamin heranreicht und das Ganze somit verdächtig nach 2-B-Sex aus der Ikeatüte klingt (im Hunderter-Pack kostet ein Teelicht knapp zehn Cent), wird einem schließlich die Kamin-DVD "für Anspruchsvolle" empfohlen, "durch die man am Fernseher den absolut realistischen Eindruck gewinnt, man säße vor einem Kamin. Auch die Kamingeräusche werden hier meist sehr gut übertragen."

Auf Netflix kann man aktuell zwischen drei telegenen Kaminfeuer-Imaginationen wählen: "knisterndes Birkenholz-Feuer", "knisternd klassisch" und "Kaminfeuer für zu Hause". Ein klassisches Birkenholz-Feuer für zu Hause: Das ist demnach eine Marktlücke. Abseits davon ist das Angebot aber fast schon unüberschaubar geworden. Bei Tchibo gibt es zum Kaminfeuer-Fernsehbild in 3-D auch den "Original-Knisterton, teilweise kombiniert mit Mozart, Bach oder Chopin". (Wobei man auch noch wählen kann zwischen den Feuer-Szenarien "lodernd", "gemütlich" oder "dezent". Und für das Smartphone gibt es die App "Fireplace").
Aber nicht nur das digitale Zeitalter macht dem analogen Kaminfeuer das Lodern schwer, auch Michael Onischke und seine Kollegen bedrohen den Kamin. Onischke ist ein gefragter Architekt in München, einer zudem, der es versteht, hochenergetische Häuser nicht wie Jute-statt-Plastik-Buden, sondern smart, elegant und modern aussehen zu lassen.

Sein eigenes Haus hat er vor einiger Zeit erbaut. Samt hoher Energieeffizienz, Grundwasserpumpe und kontrollierter Wohnraumbelüftung. Darin gibt es - mit Ausblick in den Garten - ein großzügig dimensioniertes Wohnzimmer, das förmlich nach einem offenen Kamin schreit. Aber: "Wir haben uns dann dagegen entschieden, weil das einfach nicht zum Energiekonzept passt."

Zum einen wird der Kamin also von der digitalen Täuschung bedroht, zum anderen verträgt er sich nicht gut mit so manchem Energiekonzept. Das alles sieht eher düster aus für den Kamin, der ja beinahe aus dem der Baugeschichte stammt. Außerdem darf man den offenen Kamin laut Gesetz nur gelegentlich nutzen, sagt die Erste Bundes-Immissionsschutzverordnung (1. BImSchV). Bei Verstößen drohen Bußgelder von bis zu 50.000 Euro.
Im Mittelalter erfanden die Menschen den Kamin als Rauchabzug an der Außenwand. Die Indoor-Feuerstätte ist zumindest aus der Antike bekannt. Aus dem lateinischen Begriff "caminus" (Feuerstätte, Ofen) ist eben auch der Kamin herauszuhören. Bekannt sind Funde von Feuerstätten aus Ägypten und Griechenland. Der "offene" Kamin, wie er vor allem in der Moderne zum Inbegriff mondänen Wohnens wurde, ist etwa seit 800 Jahren nachweisbar. Er geht zurück auf die Hausfeuerstelle, bei der sich die Rauchgase zunächst offen im Haus verbreiteten. Leider zusammen mit der steten Gefahr eines Feuers.

Rauch ist eine der unliebsamen Nebenwirkungen des offenen Kamins, der in Sachen Romantik natürlich unschlagbar ist. Wie er auch in Sachen Energieeffizienz total versagt. Aber die Kaminofen-Industrie schläft ja auch nicht. Es gibt mittlerweile wasserführende Kaminöfen als Ergänzung zur Solarthermie, es gibt gläserne Kamine und solche zum Hängen, es gibt den Kamin als Pelletofen, Gaskamin oder Kachelofen. Und trotz elektrifiziertem Feuerimitat ist und bleibt der Kamin ein Sehnsuchtsort ersten Ranges.

Falls Sie zu Weihnachten statt Romantik oder Erotik nur einen Link zur Fireplace-App erhalten, seien Sie nicht traurig. Es gibt auch Apps, die dazu ein laszives Räkeln imaginieren. Und womöglich schaut ja sogar noch die Feuerwehr vorbei. Sollten Sie sich zu Weihnachten in der USA oder in Großbritannien aufhalten, kommt vielleicht der Weihnachtsmann in die Stuben gerauscht. Könnte eine nette Runde werden…. Sollten Sie über Weihnachten Zuhause verbringen, vergessen Sie nicht unser hiesiges Christkindl, welches ja nicht so blöd ist und durch den Kamin rutscht - gottlob! - und machen ihm die Tür auf.